Einsam, hilflos und unverstanden – so hat sich Samira Klaho schon oft gefühlt. Früher war sie wortgewandt und beherrschte fünf Sprachen. Mit Mitte 20 änderte sich das grundlegend. Nach Hirnblutung, Schlaganfall und Koma blieb vor allem Sprachlosigkeit zurück. Was das für Betroffene bedeutet, macht sie in einem Dokumentarfilm deutlich, den sie jetzt auf Einladung der Stiftung Scheuern im Nassauer Kulturhaus gezeigt hat.
Der Titel des Films deutet an, worum es geht: „Die verlorene Sprache“. Aphasie lautet das Fachwort dafür, wenn Sprechen und Sprachverständnis aufgrund einer Hirnschädigung beeinträchtigt sind. Betroffene können sich nicht mehr verbal mitteilen. „Man fühlt sich, wie lebendig begraben“, sagt eine Betroffene im Film. „Man kann seine Gefühle, Wünsche und Bedürfnisse nicht mehr äußern.“ Aphasiker verstehen auch nicht alles, was gesprochen wird. Die Folgen sind oft gravierend, weiß Samira Klaho. Schamgefühl, Rückzug, soziale Isolation, auch Depressionen kommen häufig vor. Kein Wunder, denn Aphasiker stoßen auf Unverständnis. „Wenn Menschen nicht sprechen können, wird oft vermutet, dass sie auch nicht hören können oder dass sie nicht ganz klar im Kopf sind“, sagt ein Mediziner in dem Dokumentarfilm. „Selbst Freunde ziehen sich zurück“, berichtet Samira Klaho.
Rückblick: Die junge Frau hat gerade ihr Studium der Sozialpädagogik und Kunsttherapie abgeschlossen, als es passiert: Bei einem Telefonat wird Samira Klaho ohnmächtig. Als sie wieder zu sich kommt, ist alles anders. Sie wählt den Notruf, kann mit Mühe Hilfe holen. Erst mit Verzögerung stellt man im Krankenhaus fest, dass ein Aneurysma in ihrem Kopf geplatzt ist; keine zwei Wochen später folgt ein Schlaganfall. Als sie nach Monaten aus der Klinik entlassen wird, ist von den vier Fremdsprachen, die sie zuvor beherrschte, nichts mehr übrig. Schlimmer ist: Auch ihre Muttersprache Deutsch ist wie ausgelöscht. Für Samira Klaho beginnt ein langer Kampf, die verlorene Sprache so gut es geht zurückzugewinnen.
Wenn man sich heute mit Samira Klaho unterhält, merkt man erstmal nicht, dass sie in der Kommunikation eingeschränkt ist. Sprechtraining unter Anleitung von Logopäden und intensives Üben mithilfe selbst entwickelter Strategien haben viel bewirkt, aber auch viel Geduld und Anstrengung gefordert. „Ich habe von Anfang an mit mir selbst geredet, um mir Worte einzuprägen“, sagt sie. Außerdem war ihre Wohnung gespickt mit Zetteln; auf jedem davon ein Wort, das sie nicht vergessen wollte. Doch bei vielen Betroffenen lässt das Ausmaß der Schäden am Sprachzentrum eine solch weitgehende Regeneration gar nicht zu. Samira Klaho gibt ihnen mit ihrem Film eine Stimme.
In „Die verlorene Sprache“ stellt sie Menschen vor, die alle eines gemeinsam haben: Aphasie. Ob junger, leidenschaftlicher Ruderer, alleinerziehender Vater um die 50 oder Ehefrau und Mutter: Samira Klaho hat zunächst ein Foto-Projekt erdacht und Aphasiker abgelichtet. „Aber Fotos können nicht zeigen, wie es diesen Menschen wirklich geht“, sagt sie. Dem Film aber gelingt dies auf eindrucksvolle Weise. Er zeigt: Aphasiker stoßen ständig an Grenzen, auf Unverständnis, Abweisung – beim Arbeitsamt, beim Hausarzt, beim Bäcker und bei Nachbarn.
„Wir werden manchmal angestarrt, als hätten wir nicht alle Tassen im Schrank“, sagt Samira Klaho. „Es wird Zeit, dass wir uns Gehör verschaffen, damit man uns nicht in eine Schublade steckt, auf der steht: unfähig.“ Sie macht sich zum Beispiel dafür stark, dass für Aphasiker ein Merkzeichen im Behindertenausweis eingeführt wird. Hierfür hat sie eine Petition gestartet (siehe unten). Außerdem fordert sie mehr Unterstützung – sei es durch Assistenz oder einen Pflegegrad.
Nach der Filmvorführung im Nassauer Kulturhaus entspann sich ein reger Austausch zwischen Publikum und der Autorin. „Ich war persönlich sehr bewegt“, sagte eine Logopädin, die mit Menschen arbeitet, die eine Hirnschädigung erlitten haben. „Dieser Film sollte im Fernsehen gezeigt werden.“ Samira Klaho selbst hofft, ihr Werk noch an vielen, auch größeren Orten zeigen zu können. „Ich möchte erreichen, dass in Zukunft mehr Menschen etwas über Aphasie wissen“, sagt sie.
Begleitet wurde die Veranstaltung im Kulturhaus von Info-Ständen unterschiedlicher Institutionen, die Menschen mit Aphasie speziell und Menschen mit erworbener Hirnschädigung allgemein unterstützen. Dazu gehörten die Fachleute für Unterstützte Kommunikation vom Therapiezentrum Inthera der Stiftung Scheuern, die Anlauf- und Beratungsstelle für Menschen mit erworbener Hirnschädigung der Inklusa gGmbH, der Landesverband Aphasie Rheinland-Pfalz sowie die Logopäden vom Therapieinstitut Feistel (Koblenz) und von Wortschatz (Bad Ems).
Institutionen, die den Film „Aphasie: Die verlorene Sprache“ zeigen möchten, können sich an Samira Klaho wenden. Kontakt per E-Mail an: samira.klaho(at)gmx.de
Der WDR hat 2025 einen Bericht über den Film gezeigt. Der Beitrag ist auf YouTube zu sehen unter youtu.be/ylDCaI1lrko
Petition: Samira Klaho hat eine Petition ins Leben gerufen. Unter dem Motto „Keine Stimme, kein Recht?“ setzt sie sich dafür ein, dass Aphasie-Betroffene das Merkzeichen „Ap“ im Schwerbehindertenausweis erhalten. Alle Details und wie man die Petition unterstützen kann, gibt es im Internet unter dem Kurzlink openpetition.org/!knyny
