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Lichterandacht setzt Zeichen gegen Hass und Ausgrenzung


Am Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus erinnerte die Stiftung Scheuern an das Schicksal von Menschen mit Behinderung und sensibilisierte für Wunder der Versöhnung.

„Ja, auch hier hat es das gegeben: Insgesamt 284 Bewohner – und damit erheblich mehr als ursprünglich geplant – wurden von März bis Ende April 1941 in insgesamt fünf Transporten von Scheuern in die Tötungsanstalten Hadamar und Pirna-Sonnenstein deportiert“, sagte Markus Fehlhaber, Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinde der Stiftung Scheuern, der die Andacht leitete, und fügte hinzu: „Ab Januar 1943 wurden die Transporte wieder aufgenommen. Viele der aus anderen Einrichtungen nach Scheuern Zwangsverlegten starben schon vor der Deportation, zum Beispiel an Mangelernährung oder Medikamentenvergiftung.“ Insgesamt fielen rund 1500 Menschen mit Behinderung, die in den damaligen Heimen Scheuern wohnten oder in die dortige „Zwischenanstalt“ gebracht wurden, der menschenverachtenden Ideologie der Nazi-Herrschaft zum Opfer.

Für die Stiftung Scheuern war dies Grund genug, am Tag des Gedenkens für die Opfer des Nationalsozialismus an die Schicksale dieser Menschen zu erinnern. Der bundesweite Gedenktag bezieht sich auf den 27. Januar 1945: Vor 75 Jahren hat die Rote Armee das Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz befreit. Nicht zuletzt wegen dieses „Jubiläums“ fand die Andacht zudem im Rahmen einer Aktion aller Gedenkstätten in Deutschland statt. Trotz des unfreundlichen Wetters kamen 60 bis 70 Menschen zum Mahnmal der Stiftung Scheuern, um dort brennende LED-Lichter abzustellen. „Die Lichter, die Sie in den Händen halten, sollen zeigen, dass jeder Mensch das Recht hat zu leben“, betonte Pfarrer Fehlhaber: „Es sind Lichter gegen Hass und Hetze und für das Miteinander.“ Denn, das war ihm besonders wichtig zu betonen: „Auch Zeichen der Versöhnung und der Menschlichkeit hat es damals wie heute gegeben.“

In diesem Zusammenhang erinnerte er unter anderem an die Diakonissenschwestern Elly und Anita, die in den Heimen Scheuern im Rahmen ihrer Möglichkeiten Wunder der Bewahrung bewirkten, oder an drei todesmutige Freiwillige aus dem belgischen Widerstand: Sie stoppten einen Zug aus Güterwaggons, der in Richtung Auschwitz unterwegs war, noch auf belgischem Staatsgebiet, sodass mehr als 200 Menschen fliehen konnten. „Die allermeisten konnten, bis Kriegsende in Belgien versteckt, überleben“, sagte Fehlhaber. Und: „Insgesamt 60 Prozent der in Belgien lebenden Juden wurden durch Aktionen der Bevölkerung vor der Deportation gerettet.“ Die Gräueltaten der Nationalsozialisten seien zwar Vergangenheit, so Fehlhaber. Aber: „Wir möchten, dass sie keine Gegenwart und Zukunft haben.“ Denn schon wieder sei es möglich, dass in Deutschland von Rechtsradikalen bedrohte Politiker ihre Wahlämter zur Verfügung stellen, weil sie die Belastung nicht mehr aushalten. „Der Hallenser Bundestagsabgeordnete Karamba Diaby braucht nach den Angriffen auf sein Büro und seine Person, wenige Wochen nach dem Anschlag auf die Hallenser Synagoge und das Leben unbeteiligter Menschen, jede Form öffentlicher und persönlicher Unterstützung“, stellte Markus Fehlhaber klar und fügte hinzu: „Zeigen wir auch Menschen jüdischen Glaubens, dass wir sie als Mitbürger schätzen, und zeigen wir uns mit ihnen.“

Wie kann aus Ablehnung und Vorurteilen ein Miteinander werden? Fehlhaber verwies an dieser Stelle auf das Buch „180 Grad. Geschichten gegen den Hass“ von Bastian Berbner. „Der Autor beschreibt Beispiele, wie aus Ausgrenzung und Vorbehalten Begegnung und Mitgefühl werden. Ein junger Mann, der als Kind aus Somalia geflüchtet war, drohte zum fanatischen Islamisten zu werden. Er lernte einen Polizisten kennen, der ihn in Kontakt mit der Mehrheitsgesellschaft brachte. Ein Wunder? Ja, aber es ist passiert.“ Ein weiteres Beispiel aus Berbners Buch: „Ein Ehepaar aus Hamburg versuchte alles, um zu verhindern, dass eine Roma-Familie in seine Nachbarschaft zieht. Die beiden kamen in Kontakt mit der Roma-Familie, weil sie sofort nach deren Einzug Anlass zu einer Beschwerde sahen. Sie lernten, dass die Familie nichts anderes als anständig leben und arbeiten wollte und dass ihr das nicht möglich gemacht wurde. Sie begannen zu helfen, wo sie konnten. Und als die Abschiebung angedroht wurde, versuchten die Hamburger, diese zu verhindern. Zwar vergebens, aber die Freundschaft hielt auch über die Entfernung zum Ursprungsland. Ein Wunder? Ja, aber es ist wahr.“

Das Buch „180 Grad. Geschichten gegen den Hass“ sei ein Lichtblick in diesen finsteren Zeiten, in denen Lügen wieder für wahr gehalten werden und die Menschen nur scheinbar machtlos dem Aufflammen von Nationalismus und Rassismus gegenüberstehen, so Fehlhaber abschließend: „Denn bei Gott sind alle willkommen – egal, welche Herkunft und Abstammung sie haben.“ Das Lied „Wir wünschen Frieden euch allen“, Gebete und eine Zeit der Stille rundeten die eindringliche Andacht ab.